Im Herbst 1997 erschien ein bis heute außergewöhnliches Objektiv: Nikons erstes (und bis heute einzige) Makro Zoomobjektiv mit einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:1,3. Bei einer UVP von 1.559 € verkaufte sich das Micro Nikkor 70-180mm 4,5-5,6 D ED in 7 Jahren bis Anfang 2005 weniger als 20.000 Mal. Leider erschien es zu Beginn der AF-S Ära noch als traditionelles AF Objektiv mit Schraubendreherantrieb, wodurch es nur an Spiegelreflexkameras mit eingbautem Motor automatisch fokussiert. Eine Besonderheit dieses Zooms ist die konstante Blende, unabhängig vom Abbildungsmaßstab. Damit verringert sich die effektive Blendenöffnung im Gegensatz zu den meisten Makroobjektiven im Nahbereich nicht.

Gehäuse und Handling

Das 70-180mm ist ein relativ kompakt gebautes, schmales und mit 17,5 cm recht langes Objektiv. Mit knapp über einem Kilogramm ist es für die Größe recht schwer und vermittelt einen kompakten, soliden Eindruck. Großzügig dimensionierte Zoom- und Fokusringe dominieren die in Kräusellack gehaltene Gehäuseoberfläche, ein Fokuslimiter kann den Fokusbereich in die Bereiche 0,37m-0,8m und 0,8m-Unendlich teilen. Zoom- und Fokusring haben bei manchen Exemplaren etwas Spiel in der Führung, weshalb der erste, hochqualitative Eindruck etwas getrübt wird. Der manuelle Fokus ist zwar langsam übersetzt und ausreichend gedämpft, treibt aber spürbar eine AF Mechanik im Inneren an.

Die AF/MF Umschaltung erfolgt über einen Plastikring mit Arretierung. Wie bei allen Objektiven gleicher Bauart ist beim Kauf darauf zu achten, ob dieser Ring noch intakt ist.

Leider verfügt das 70-180mm nicht über eine Innenfokussierung. Der innere Tubus fährt zur Naheinstellgrenze hin 3,4cm über den vorderen Rand des Gehäuses hinaus. Im Umgang mit dem Objektiv sollte darauf geachtet werden, diesen inneren Tubus nicht übermäßig mechanisch zu belasten um ein ausschlagen der Mechanik zu vermeiden. Die Frontlinse dreht sich nicht mit, wodurch die Verwendung von Polfiltern erleichtert wird.

Um so wichtiger ist daher auch die Verwendung der Gegenlichtblende HB-14, welche über einen Bajonettanschluss am Gehäuse befestigt wird. Die Verarbeitungsqualität der Blende kann leider nicht mit der des Objektivs mithalten. Viele Exemplare sind mittlerweile längs durchgebrochen oder sitzen sehr lose im Bajonett. Ein Nachkauf ist so gut wie unmöglich und Nachbauten gibt es nicht.   

Optische Leistung

Nikon hat bei der Konstruktion des 70-180mm recht großen Aufwand getrieben: 18 Linsenelemente in 14 Gruppen, gepaart mit einer kompensierenden Blende um Lichtverluste im Makrobereich auszugleichen.

Offenblendreihe: 70mm f/4,5 – 105mm f/5,0 – 135mm f/5,3 – 180mm f/5,6.

Abbildungsmaßstab bei minimaler Fokusdistanz von 0,37m: 70mm 1:3,21 – 105mm 1:2,21 – 180mm 1:1,33. Durch Verwendung der Nahlinse 6T wird bei 180mm ein Abbildungsmaßstab von 1:1 erreicht.

Und auch im Jahr 2021 kann sich das Ergebnis dieser Bemühungen an einem digitalen 45 MP Sensor sehen lassen, auch wenn sich – typisch für Objektive aus dieser Zeit – moderate Farblängsfehler bei offener Blende zeigen. Diese lassen sich jedoch durch leichtes Abblenden eliminieren.

Die Schärfe ist bereits bei Offenblende über den gesamten Bildbereich recht hoch und gewinnt naturgemäß durch Abblenden um eine Blende. Insgesamt verringert sich die Schärfe bei Offenblende moderat von 70mm bis 180mm.

Für Landschaftsaufnahmen ist man mit Blende 5,6 zwischen 70 und 135mm bestens bedient, darüber hinaus sollte besser auf Blende 8 reduziert werden. Trotz Fokusbegrenzer sollte man nicht der Versuchung erliegen, auch nur ansatzweise sich bewegende Objekte zu fotografieren. Dafür ist der Fokusantrieb einfach zu langsam – was für ein Makro allerdings auch vollkommen erwartbar ist.

Im Makrobereich erreicht die Schärfe nicht ganz das Niveau der neuesten Makroobjektive, wobei man dem 70-180mm zugutehalten muss ein Zoom zu sein, während alle anderen Makroobjektive Festbrennweiten sind. Dafür bietet es die Möglichkeit, durch Zoomen die Bildkomposition anzupassen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Schärfe und Auflösung sind insgesamt als exzellent zu bezeichnen. Es gibt jedoch mordernere Makroobjektive, die eine höhere Schärfe erreichen.

Vergleicht man das 70-180mm bei 105mm mit dem AF-S Micro Nikkor 105mm 2,8 G ED VR, fallen weitere Unterschiede auf. Das Zoom erreicht bei einem minimalen Fokusabstand von 0,37m einen maximalen Abbildungsmaßstab von 1:2,21, während die Festbrennweite bei dieser Vergrößerung 0,42m Fokusdistanz voraussetzt. Die Lichtstärke beträgt bei gleichem Abbildungsmaßstab von 1:2,21, beim Zoom Blende 5 und bei der Festbrennweite f/3,5. Blendet man beide auf Blende 8 ab, sind jedoch kaum Unterschiede in der Leistung auszumachen:

Ausschnitt 100% Bildmitte

Intensive Farben und starke Kontraste prägen die Bildcharakteristik des 70-180. Insgesamt wirken die Fotos „runder“ und nicht so klinisch-scharf wie bei moderneren Objektiven, ohne es an der absolut erreichbaren Schärfe mangeln zu lassen. Es passt sehr gut zu den Zooms der Zeit: AF 20-35mm 2,8 D, AF-S 17-35mm 2,8 D ED, AF-S 28-70mm 2,8 D ED, AF-S 80-200mm 2,8 D ED. Alles diese Objektive wurden erkennbar ähnlich abgestimmt. Die Hintergrundschärfe (Bokeh) ist durchschnittlich und manchmal etwas unruhig.

Fazit

Insgesamt zieht das Zoom im Makroeinsatz im Vergleich zu einer Festbrennweite konstruktionsbedingt auf dem Papier den Kürzeren. Die Einschränkungen sind jedoch in der Praxis nicht so gravierend, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Auch wenn bei 105mm nur ein Maßstab von 1:2,2 erreicht wird, hat man jedoch bei 180mm den Maßstab 1:1,33 zur Verfügung. Einzig wirklicher Nachteil gegenüber einem 105mm Makro ist die ca. 5cm kürzere Naheinstellgrenze, die bei Insekten mit kurzer Fluchtdistanz problematisch sein kann. Bei 180mm konkurriert es derzeit nur mit gebrauchten Makroobjektiven von Sigma, Tamron und Nikons AD 200mm 4,0 D ED Micro Nikkor. Lediglich gegen das Letztgenannte muss sich das 70-180 geschlagen geben.

Insgesamt ist das 70-180mm 4,5-5,6 eine absolute Empfehlung wert. Es bietet eine sehr ausgewogene und angenehme Bildcharakteristik und dazu deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten als eine Festbrennweite. Außerdem eignet es sich sehr gut als Teleobjektiv in der Landschaftsfotografie und kann bei kompakten Packmaßen eine doppelte Funktion erfüllen. Gebrauchtpreise von 700 bis 1.000 Euro sprechen für die Popularität dieses einzigartigen Zoomobjektivs.  

180mm f/5,6
180mm f/8
180mm f/11
180mm f/9
70mm f/4,5
70mm f/5,6
70mm f/8
135mm f/5,3
135mm f/5,6
135mm f/8
180mm f/5,6
180mm f/8