2016 erweiterte Nikon das bis dahin angebotene Trio von Tilt-/Shiftobjektiven mit 24mm, 45mm und 85mm um ein 19mm Weitwinkel mit Blende 4,0. Es ist sozusagen ein Nachzügler, wurden die Varianten mit 24mm und 45mm doch bereits im Jahr 2008 eingeführt. Das 85mm war seit 1999 erhältlich und erhielt 2008 eine Überarbeitung.

Zum Start kostete das aufwendig gefertigte Objektiv satte 3949 € (UVP), mittlerweile ist der Straßenpreis auf immer noch stattliche 3.300 € gesunken. Aufgrund des Preises ist das PC 19mm 4,0E relativ selten anzutreffen. Den bisher bekannten Seriennummern nach zu urteilen dürfte es bis Mitte 2020 weniger als 5.000 Mal verkauft worden sein, auf dem Gebrauchtmarkt ist es praktisch nicht zu finden.

Gehäuse und Handling

Nikon hat in der Entwicklung des Objektivs offensichtlich Erfahrungen und Kundenwünsche berücksichtigt, daher finden sich beim 19mm einige wichtige konstruktive Unterschiede im Vergleich zu den älteren PC-E Objektiven. Es ist insgesamt (noch) stabiler gebaut und erlaubt erstmals die gleichzeitige und unabhängige Verstellung von Tilt- und Shiftachse.

Bei den älteren PC-E Objektiven kann das Objektiv nur insgesamt gedreht werden, wobei Tilt und Shift immer 90 Grad zueinander versetzt sind. Der Nikon Service baut diese Objektive auf Wunsch so um, dass Tilt und Shift auf der gleichen Achse liegen, aber auch dies ist anschließend eine nicht änderbare Einstellung. Somit gewinnt das PC 19mm deutlich an Funktionalität.

Eine weitere Änderung in der Mechanik betrifft die Shifteinstellung. Für den Shift gibt es nur noch ein Einstellrad, welches anscheinend mit einem internen Getriebe verbunden ist. Daher entfällt das zweite Einstellrad zur mechanischen Fixierung der Shifteinstellung, da sich der Objektivtubus nur über das Einstellrad verschieben lässt. Etwas ärgerlich ist in diesem Zusammenhang der Entfall der Rastposition in Mittelstellung. Es muss nun immer auf die Skala geschaut werden um zu prüfen, ob sich das Objektiv im ungeshifteten Zustand befindet.

Für die Tiltfunktion gibt es hingegen weiterhin zwei Einstellräder für Verstellung und Sicherung. Neu hinzu gekommen ist ein mechanischer Schieber, der die Tiltachse in Neutralstellung fixiert. Warum gibt es diesen nicht auch für die Shifteinstellung?

Entriegelt man den voluminösen Frontdeckel vom 885g schweren Objektiv (Vorsicht, immer den Knopf zum entriegeln nutzen, der kleine Rasthaken am Deckel bricht leicht ab!), blickt man auf eine voluminöse, stark nach Außen gewölbte Frontlinse. Aufgrund des Bildwinkels und dem für die Shiftfunktion notwendigen Bildkreis gibt es keine Möglichkeit eine Sonnenblende zu befestigen. Beim Handling des Objektivs ist daher äußerste Vorsicht geboten, ebenso bei der Nutzung der Naheinstellgrenze von 25cm. Es kursiert zwar im Netz eine Anleitung, wie man sich aus einer HB-19 Gegenlichtblende eine verkürzte Version für das PC 19mm zurechtschneidet, allerdings bleibt dabei von der Blende nicht viel übrig. Der Schutz ist limitiert und nach 3/4 des Shiftweges schattet sie das Bild am Rand ab, bei vertikalem Shift sogar schon nach 2/3.   

Beeindruckend: die Frontlinse

Optische Leistung

Bei Offenblende erreicht das PC 19mm 4,0E bereits eine sehr ansehnliche Leistung. Die Schärfe ist bereits gut, Aberrationen führen jedoch bei Offenblende zu leichten Überstrahlungen an hellen Objekten. Aufgrund des großen Bildkreises fällt die Schärfe im nicht geshifteten Zustand bis in die Ecken hinein nur minimal ab. Es ist eine leichte Vignettierung sichtbar. Abgeblendet auf f/5,6 verschwinden Vignettierung und Coma/Überstrahlungen, die Schärfe erreicht ein sehr gutes Niveau. Zum Bildrand hin werden an starken Kontrastübergängen Farblängsfehler sichtbar, die auch durch Abblenden auf Blende 8 oder 11 nicht verschwinden. Insgesamt sind diese aber schwach ausgeprägt und im RAW Konverter problemlos korrigierbar.

Von der Bildqualität her unterscheidet sich Blende 8 von 5,6 nur durch die gewonnene Tiefenschärfe, ab Blende 11 führt die Diffraktion zu deutlichem Schärfeverlust. Das 19mm 4,0E ist eines der Objektive, dessen erstklassiger Bildeindruck nicht ausschließlich auf einzelnen technischen Parametern wie z.B. Schärfe beruht. Es ist die Ausgewogenheit aller Eigenschaften inkl. Kontrast und Farbabstimmung, die zusammengenommen zu einer erstklassigen Bildqualität führen.

Geshiftet zeigt sich ein insgesamt ähnliches Bild wie im „Normalzustand“. Lediglich die Aberrationen nehmen je nach Verschiebung sichtbar zu. Besonders bemerkenswert ist, dass selbst beim maximal möglichen Shift die Ecken nicht übermäßig abdunkeln und die Schärfe über den gesamten Bildbereich gleichmäßig erhalten bleibt. Dies ist für ein Weitwinkel mit Shiftfunktion bei dieser Brennweite bemerkenswert. Das PC-E 24mm 3,5 schneidet verglichen dazu deutlich schlechter ab.

Aufgrund der stark gewölbten Frontlinse sind Flares bzw. Reflektionen natürlich ein Thema. Man muss bei starken Lichtquellen auf die Positionierung des Objektivs bzw. ausreichende Abschattung außerhalb des Bildbereichs achten. Allerdings treten die Reflektionen nur minimal häufiger als zum Beispiel beim AF-S 14—24mm 2,8 auf, was aufgrund der noch exponierteren Frontlinse durchaus positiv zu bewerten ist. Es ist jedoch zu beachten, dass diese internen Reflektionen neben punktuellen Flecken fast immer mit einem Kontrastverlust über das gesamte Bild hinweg einhergehen, der dunkle Bildpartien insgesamt heller erscheinen lässt.

Fazit

Das PC 19mm 4,0E ist von der Leistung her absolut überzeugend und dem PC-E 24mm 3,5 eindeutig vorzuziehen. Die Bildqualität ist hervorragend und wird selbst durch Shift bis an den Anschlag der Skala kaum verringert. Einzig der Preis und die notwendige Vorsicht im Umgang mit der – brennweitenbedingt – schutzlos weit nach vorne ragenden Frontlinse können die Freude an diesem exzellenten Objektiv etwas trüben.

f/4, kein Shift
f/5,6, kein Shift
f/8, kein Shift
f/11, kein Shift
f/5,6 maximaler Shift
f/4, maximaler Shift. Alle Softwarekorrekturen im RAW Konverter ausgeschaltet.
f/5,6, maximaler Shift. Alle Softwarekorrekturen im RAW Konverter ausgeschaltet.
f/8, maximaler Shift. Alle Softwarekorrekturen im RAW Konverter ausgeschaltet.
f/8, maximaler Shift
f/4, kein Shift
f/4, Tilt
Beispiel: bei Reflektionen entstehen nicht nur Flecken im Bild, das Bild hellt sich auch insgesamt auf. Beide Fotos weisen identische Belichtungsdaten auf: 1/500s, Blende 8, ISO 250.