Viltrox ist eine in den späten 2000er Jahren gegründete Marke der chinesischen Firma Shenzhen Jueying Technology Co. Ltd. Konzentrierte man sich am Anfang noch auf Kamerazubehör wie Adapter, Lichttechnik oder Field Monitore, kamen später günstige, aber simpel konstruierte Festbrennweiten hinzu. Mittlerweile reicht das Angebot von günstigen, leichten Optiken bis hin zu technisch anspruchsvollen, professionellen Festbrennweiten, die in direkte Konkurrenz zu Oberklasseobjektiven der Kamerahersteller treten. Viltrox Objektive sind für Nikon Z, Sony E, Fuji X und Panasonic L erhältlich.

Die LAB Serie stellt die Spitze des Viltrox Angebots dar. Bisher erschienen sind 135mm 1,8 und 35mm 1,2, später sollen 50mm 1,2 und 85mm 1,2 folgen.

Gehäuse und Handling

Das 910g schwere Objektiv ist für eine Brennweite mit Offenblende 1,2 relativ kompakt geraten. Es ist sicherlich ein Schwergewicht mit nicht übersehbaren Abmessungen (12,2×8,9cm), dennoch ist es 2,8 cm kürzer ausgefallen als das entsprechende Nikkor Objektiv. 150g weniger Gewicht machen sich ebenfalls angenehm bemerkbar. Das Filtergewinde misst 77mm im Durchmesser.

Die Verarbeitung des Metallgehäuses ist tadellos und erinnert an eine gewichtsmäßig leicht abgespeckte Version der Sigma Art Reihe. Fokus- und Einstellring laufen satt und präzise. Der Fokusrig besitzt keinen Endanschlag. Der via Kamera programmierbare Einstellring lässt sich per Schalter mit einer Klickrastung belegen. Das ist im Vergleich zu Nikons freilaufenden Einstellringen von großem Vorteil, da man diesen durch den erhöhten physischen Widerstand deutlich seltener versehentlich verstellt.

Allerdings hat der Einstellring in der Nikon Version des 35mm LAB Objektivs ein etwas erratisches Verhalten. Die Anzahl der Klicks korrespondiert nicht mit der Schrittweite der Verstellung des zu ändernden Einstellwertes. Hat man z.B. die Blendenverstellung auf den Ring gelegt, benötigt man manchmal fünf Klicks, bis sich die Blende um 1/3 verstellt. Manchmal aber auch nur 3 oder gar einen. Man kann also nie vorhersehen, wie weit man den Ring drehen muss, um den nächsten Wert auf der Skala einzustellen.

Hoffentlich wird hier noch mit einem Firmwareupdate nachgebessert. Updates können via USB-C Kabel am PC oder per App/Bluetooth (mit sicherer, separater Stromversorgung des Objektivs via USB-C!) eingespielt werden. Viltrox hat für viele Objektive in der Vergangenheit regelmäßig entsprechende Updates herausgebracht und bietet an dieser Stelle einen guten Service.  

Neben dem beschriebenen Einstellring bietet das Objektiv einen über die Kamera programmierbaren FN1 Button. Der zusätzliche FN2 kann nicht über die Kamera belegt werden und bietet die Möglichkeit im manuellen Fokusbetrieb zwei Fokuspunkte einzuspeichern, die über wiederholte Betätigung von FN2 abgerufen werden können.

Informativ: Display des 35mm 1,2

Ein Ausstattungsmerkmal, welches die ersten, höherwertigen Nikon Z Objektive auszeichnete, ist auch beim Viltrox 35mm 1,2 anzutreffen: ein Display. Während Nikon dieses Extra nach kurzer Zeit wieder verwarf, setzt Viltrox bei den höherwertigen Objektiven konsequent darauf. Im Gegensatz zu Nikon handelt es sich um ein beleuchtetes Farb-LCD. Angezeigt werden: durchlaufende Entfernungsskala am oberen Rand, Fokusentfernung in m/cm in der Mitte und am unteren Rand – ebenfalls als durchlaufende Skala – der eingestellte Blendenwert. Stellt man das Objektiv auf manuellen Fokus um, wird zusätzlich der Schärfentiefebereich abhängig von der gewählten Blende als gelber Balken über der Entfernungsskala dargestellt. Über die App kann für das Display ein Ausschalttimer gesetzt werden.

Für eine stark gewöhnungsbedürftige Eigenschaft des Objektivs sorgt der verbaute Fokusantrieb. Bei abgeschalteter Stromversorgung oder im Standby bewegt sich ein größeres Teil (Linsengruppe?) im Objektiv, was sich in einem massiven „klong“ bemerkbar macht, sobald man das Objektiv um die eigene Achse dreht. Die elektromagnetisch arbeitenden VCM Fokusmotoren dürften aufgrund ihrer Konstruktionsweise dafür verantwortlich sein. Hält man die Kamera mit dem Objektiv senkrecht nach unten, bekommt man durch einen dumpfen Schlag immer mit, wenn diese in Standby geht. Ob dies der Langzeitstabilität des Objektivs abträglich ist, wird sich noch zeigen.  

Der VCM Fokus hat allerdings auch Vorteile: er arbeitet sehr zügig und extrem leise.

Optische Qualität

Bokeh im Vergleich zu Nikon 35mm 1,8 S und Tamron SP AF 35mm 1,4

Das Viltrox AF 35mm 1,2 LAB liefert in der Praxis eine beeindruckende Leistung ab. Die Schärfe ist bereit ab Offenblende im Bildzentrum exzellent, nimmt allerdings zu den Rändern hin etwas ab. Ränder und Ecken steigern sich bei Blende 2,0 auf ein gutes, ab Blende 2,8 sehr gutes und bei F/4 auf ein exzellentes Niveau.

Wobei Landschaftsaufnahmen bei Blende 1,2 durchaus möglich sind, auch wenn dies ein recht praxisfernes Szenario ist. Bei Blenden ab f/4 und kleiner liefert es über den gesamten Bildbereich eine exzellente Schärfe. Das Bildfeld (Bildschärfeebene) ist nur minimal am Rand nach innen gebogen.

Bei Offenblende vignettiert es recht deutlich, aber nicht über das übliche Maß für hochlichtstarke Objektive hinaus. Die Randabdunkelung verringert sich bereits ab Blende 2,0 deutlich und ist ab f/2,8 nicht mehr relevant.

Viltrox 35mm 1,2 LAB, Bildmitte, f/1,2, CA Korrektur deaktiviert.

Faszinierend ist die nahezu vollständige Korrektur von CA’s. Farbsäume treten selbst bei Offenblende nicht auf. Die Verzeichnung ist hervorragend optisch korrigiert. Selbst ohne Korrekturprofil verzeichnet es wenig.

Wichtig für ein lichtstarkes Objektiv ist die Qualität der Hintergrundunschärfe, bezeichnet als Bokeh. Schließlich kauft man ein lichtstarkes Objektiv in der Regel zum Freistellen von Objekten vor einem cremig verschwommenen Hintergrund. Auch in dieser Disziplin kann das Viltrox überzeugen.

Das Bokeh ist deutlich weicher als beim immer etwas unruhig wirkenden Nikkor Z 35mm 1,8 S und vergleichbar mit dem hervorragenden DSLR Objektiv Tamron SP 35mm 1,4. Lichtpunkte außerhalb des Bildzentrums werden bei Blende 1,2 oval bzw. zitronenförmig dargestellt, ab Blende 2,8 sind die Kreise bis in die Ecken vollständig rund. Dazu tragen sicherlich auch die 11 Blendenlamellen bei.

Im Gegenlicht ist es relativ anfällig für Lensflares. Es bildet etwas wärmer ab als die Nikkor Z Objektive und bietet kräftige Kontraste.

Fazit

Viltrox hat sich in den letzten Jahren immer weiter gesteigert. Gab es am Anfang noch kuriose Probleme wie nicht ganz passende Bajonette oder nicht ganz ausgereifte Firmware, können die neu vorgestellten Objektive von Anfang an überzeugen. Sie werden damit zur ernstzunehmenden Konkurrenz für die etablierten Hersteller.

So gut die optische Qualität und so groß der Preisunterschied zum Nikkor Z 35mm 1,2 S auch ist: man kauft sich ein Risiko ein. Wer garantiert, dass zukünftige Nikon Kamerafirmware noch einwandfrei mit Viltrox Objektiven harmoniert? An dieser Stelle kann man durchaus auf den Firmware Support von Viltrox vertrauen, der in der Vergangenheit zügig mit Updates reagiert hat, sobald Probleme auftraten.      

Schwerwiegender ist eine andere Tatsache, der man sich bewusst sein muss: ein Viltrox Objektiv ist nicht reparabel. Geht innerhalb der Garantie etwas kaputt, kann man bei einigen Anbietern das Objektiv tauschen – insbesondere Rollei fällt mit einem entsprechenden Serviceversprechen positiv auf.

Bei selbstverschuldeten Defekten wie z.B. einem Sturzschaden hilft dies jedoch wenig. Bei vielen günstigen Objektiven im Viltrox Portfolio ist das kein Problem, da die Reparatur eines 300 bis 500 Euro Objektivs meist nicht wirtschaftlich ist. Mit der LAB Serie verlässt Viltrox diesen Preisbereich deutlich. Es wäre daher dringend geboten, dass der Anbieter eine Reparaturmöglichkeit in Europa schafft.

Betrachtet man die optische Leistung, kann man angesichts des Preises nur den Hut ziehen. Ich will es nicht mit dem Z 35mm 1,2 S vergleichen, was derzeit mangels eines Nikkor Z 35mm 1,2 S auch nicht möglich ist. In gewissen Grenzen kann ich die Bildanmutung mit dem Z 50mm 1,2 S vergleichen und in insgesamt spielen diese in der gleichen Liga. Dennoch bietet das Nikkor das gewisse Etwas, das man schwer in Worte fassen kann. Andersherum ausgedrückt: das Viltrox 35mm 1,2 S ist ein technisch exzellentes Objektiv. Scharf, geringe Verzeichnungm keine CA, cremiges Bokeh. Ich bin mir allerdings sicher, dass das Nikkor Z 35mm 1,2 S im direkten Vergleich das gewisse Extra an Bildqualität mitbringt, das Spitzenobjektive üblicherweise auszeichnet. Zum dreifachen Preis.

Beispiele

Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2,8
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2,8
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/4
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2,8
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/1,2
Viltrox AF 35mm 1,2 LAB f/2